Politik ist, wenn man trotzdem lacht
In der Demokratie ist es manchmal so, dass ein Teil der Gesellschaft bei Wahlen oder in Abstimmungen unterliegt. Manchmal tatsächlich, aber oft auch nur gefühlt. Manch einer steigert sich in Nebensächlichkeiten hinein und verliert so den Focus auf das Wesentliche.
So auch bei der Diskussion über den Laizismusteil im Wahlprogramm der LINKEN. Da wird an einer Stelle gefordert, die Notwendigkeit des Blasphemiegesetzes (§ 166 StGB) auf den Prüfstand zu stellen.
Die Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz emotionalisierte die Debatte mit einem wohlkalkulierten Killerargument. Das MdB, das in diesem Tehmenkomplex viel unterwegs ist, behauptete doch allen Ernstes, dass die strafrechtliche Verfolgung der Schändung jüdischer Friedhöfe dann künftig nicht mehr möglich sei. Da lag sie aber voll daneben und die Delegierten nahmen ihr das auch nicht ab.
Die Anschläge meist rechtsradikaler Grabschänder auf jüdische Friedhöfe wurden noch nie nach dem § 166 StGB verfolgt. Die Justiz hat da schärfere Gesetze wie Volksverhetzung und Sachbeschädigung. Und deren Abschaffung steht ja nun wirklich nicht auf der Agenda.
Genau so wie behauptet wird, dass der laizistische Programmteil ein Angriff auf religiöse Gefühle sei, war der Einwand von Christine Buchholz der Versuch unter Hinweis auf vermintes Gelände (jüdische Grabsteine) Emotionen zu schüren. Trotz fortgeschrittener Nachtstunde, habe die Delegierten dieses Manöver durchschaut.
Wir blicken derzeit auf Auseinandersetzungen in repressiven Staaten, in denen die Blasphemiegesetze dazu führen, dass jemand, der einen Koran verbrennt, für 11 Jahre ins Gefängnis geworfen wird. Ein falscher Liedtext, eine falsche Zeile über Twitter und es droht der Tod.
Da kann es doch nicht wahr sein, dass linke Abgeordnete sich für die Beibehaltung des Blasphemieparagraphen stark machen, zumal sie doch wissen, dass auch der rechte Rand in Deutschalnd die Verschärfung dieses Gesetzes will.
Wir dürfen nicht verkennen, die Aufklärung schreitet voran und die Religionen erleben einen tiefgreifenden Bedeutungsverlust. Deshalb machen sie jetzt mobil und scheuen auch vor Diffamierungen und Falschbehauptungen nicht zurück.
Erst am 14. Juni war früh am Morgen im WDR-Kirchenfunk ein Vertreter der evangelischen Kirche zu hören, der etwa sechs Minuten lang über ver.di und Frank Bsirske hetzte. Das kirchliche Arbeitsrecht war sein Thema - das galt es zu verteidigen. Das achte Gebot war dem Kirchenvertreter dann wohl auch noch unbekannt; behauptete er doch, dass Beschäftigte der Kirchen durchweg höhere Löhne beziehen als diejenigen, die nach einem von ver.di ausgehandelten Tarifvertrag arbeiten. Das sollte er mal mit den unter Lohndumping leidenden Mitarbeitern des Profitzentrums Bethel besprechen.
Der Laizismusteil im Wahlprogramm der LINKEN
Bekenntnisfreiheit verwirklichen, Religionsgemeinschaften gleichbehandeln, Staat und Kirche institutionell trennen
DIE LINKE verteidigt das Recht aller Menschen auf ein Bekenntnis zu einer Weltanschauung oder Religion. Sie tritt ein für den Schutz weltanschaulicher und religiöser Minderheiten und für eine institutionelle Trennung von Staat und Kirche und die Abschaffung der Militärseelsorge.
• Grundrechte und Arbeitnehmer/innen-Rechte müssen auch in den Kirchen und Religionsgemeinschaften und in deren Einrichtungen Geltung haben, auch das Streikrecht und das Betriebsverfassungsgesetz.
• Durch kirchliche Arbeitgeber ausgeübte Diskriminierung von Beschäftigten aufgrund ihrer Lebensumstände oder ihrer Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit in Bereichen, die nicht unmittelbar der Religionsausübung dienen, muss gesetzlich verhindert werden.
• Wir wollen keine Bevorzugung vom kirchlichen gegenüber öffentlichen Trägern bei der Vergabe von Trägerschaften, z.B. für Kindertagesstätten.
• Schulen sollen Wissen über Religionen vermitteln und die wechselseitige Toleranz der Glaubensgemeinschaften fördern. Der Unterricht ist im Rahmen des Bildungsauftrages des Staates durch staatlich anerkannte Lehrkräfte zu leisten, unabhängig von kirchlicher oder religionspolitischer Einflussnahme.
• Schulgebet, Schulgottesdienst und religiöse Symbole wie das Kruzifix sind in staatlichen Schulen zu entfernen.
• Verfassungen dürfen keine religiösen Bezüge aufweisen. Religiöse Sonderregelungen wie das Blasphemiegesetz (§ 166 StGB), die Feiertagsgesetze sind daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie zur Wahrung der religiösen Empfindungen der Angehörigen der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften erforderlich sind.
• Wir wollen den seit 1919 bestehenden Verfassungsauftrag zur Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen endlich umsetzen. Die Kirchensteuer gehört abgeschafft. Für die Erhebung und Eintreibung von Mitgliedsbeiträgen und damit verbunden auch für die Mitgliederverwaltung an sich sollen ausschließlich die Religionsgemeinschaften selbst zuständig sein. Eine Erhebung der Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit durch die Meldeämter wird dadurch überflüssig und kann wegfallen.
(so beschlossen auf dem Parteitag der LINKEN am 15. Juni 2013 in Dresden)
Jetzt gibt es Landesarbeitsgemeinschaften in fünf Bundesländern
Frohe Kunde: nach Bayern, Thüringen und NRW gibt es jetzt auch in Rheinland-Pfalz und Hessen LAG Laizismus. Die letzten beiden erfüllen schon mit der Gründung die Voraussetzungen für die Anerkennung als landesweiter Zusammenschluß. und besonders erfreulich: bei den Hessen machen gleich zwei der sechs Landtagsabgeordneten mit, darunter der Fraktionsvorsitzender Willi van Ooyen!
Weitere Landesarbeitgemeinschaften Laizismus sind in Vorbereitung.
Nur die strikte Trennung von Religion und Staat hat eine Zukunft - auch in der Türkei
Presseerklärung der BAG Laizismus in der LINKEN
Nur die strikte Trennung von Religion und Staat hat eine Zukunft - auch in der Türkei
Der türkische Ministerpräsident Erdogan, der über seine konservativ-islamische Partei AKP an die Macht kam, stürzt sein Land in eine tiefe Krise. Machttrunken geht er brutal gegen Demonstranten vor, deren Protestmotive aus einer begründeten Furcht vor Demokratieabbau und schleichender Islamisierung der Türkei resultieren.
Die Laizisten in der LINKEN unterstützen alle Proteste gegen die Erdogan-Regierung, die sich für eine Demokratie und gegen konservativen Islamismus richten. Die Trennung von Religion und Staat hatte in der Türkei eine lange Tradition und galt als, für islamische Staaten, sehr fortschrittlich. Erdogan dreht nun die Uhr zurück.
Erdogan ließ am 11. Juni 49 Rechtsanwälte verhaften, die gegen den Polizeieinsatz mit Tränengas und Wasserwerfern klagen wollten. In der Türkei sind mehr Journalisten inhaftiert als in China. Freiheitsrechte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung werden unterdrückt. Seit vielen Jahren spürte man eine tiefe Betroffenheit im Gespräch mit türkischen Intellektuellen. Sie ahnten schon lange, dass es zu einer Eskalation kommen wird. Linke Gruppen und Kemalisten sowie Menschen, die sich für Minderheiten und Menschenrechte einsetzen, wollen sich nicht weiter religiös motiviert bevormunden lassen. Die laizistischen und demokratischen Aktivisten wollen einen modernen Staat, in dem Religionsführer und deren politische Arme nicht in jedem Lebensbereich der Menschen Einfluss nehmen können.
Die Laizisten innerhalb der LINKEN erklären sich mit der Protestbewegung in der Türkei solidarisch und fordern alle Parteimitglieder auf, die Solidaritätskundgebungen in Deutschland massiv zu unterstützen.
Vor 80 Jahren verkündet die katholische Kirche ihre Unterwerfung unter die Nazi-Diktatur
Vor 80 Jahren, am 8. Juni 1933, revidierte die katholische Kirche in Deutschland öffentlich ihre kritische Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Regierung. In einem Hirtenbrief verkündeten die in Fulda tagenden Bischöfe und Kardinäle:
"Es fällt deswegen uns Katholiken auch keineswegs schwer, die neue, starke Betonung der Autorität im deutschen Staatswesen zu würdigen und uns mit jener Bereitschaft ihr zu unterwerfen, die sich nicht nur als eine natürliche Tugend, sondern wiederum als eine übernatürliche kennzeichnet, weil wir in jeder menschlichen Obrigkeit einen Abglanz der göttlichen Herrschaft und eine Teilnahme an der ewigen Autorität Gottes erblicken ( Röm. 13,1 ff.)"
Die katholischen Bischöfe und Kardinäle erklärten, dass sie mit den Zielen der Nazis übereinstimmen:
"Auch die Ziele, die die neue Staatsautorität für die Freiheit unseres Volkes erstrebt, müssen wir Katholiken begrüßen. Nach Jahren der Unfreiheit unserer Nation und der Mißachtung und schmachvollen Verkürzung unserer völkischen Rechte muß unser deutsches Volk jene Freiheit und jenen Ehrenplatz in der Völkerfamilie wieder erhalten, die ihm auf Grund seiner zahlenmäßigen Größe und seiner kulturellen Veranlagung und Leistung gebühren."
Dankbar vollzog die katholische Kirche den Schulterschluss mit den Nazis im Kampf gegen den "mörderischen Bolschewismus":
"Zu unserer großen Freude haben die führenden Männer des neuen Staates ausdrücklich erklärt, daß sie sich selbst und ihr Werk auf den Boden des Christentums stellen. Es ist das ein öffentliches, feierliches Bekenntnis, das den herzlichen Dank aller Katholiken verdient. Nicht mehr soll also der Unglaube und die von ihm entfesselte Unsittlichkeit das Mark des deutschen Volkes vergiften, nicht mehr der mörderische Bolschewismus mit seinem satanischen Gotteshaß die deutsche Volksseele bedrohen und verwüsten."
Gleichzeitig formulierte der Klerus in dem Hirtenbrief seine Forderungen an die Nazis. Die katholische Kirche erwartete für ihre Bereitschaft sich zu unterwerfen, dass ihre Strukturen und Privilegien unangetastet bleiben. In einem Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan wurde dies am 20. Juli 1933 besiegelt. Dies war der erste internationale Vertrag, den die Hitler-Regierung unterzeichnen konnte.
Die Initiative Religionsfrei im Revier wird auf einer öffentlichen Tagung am 13. Juli 2013 in Bochum den 80. Jahrestag der Unterzeichnung des Konkordats zum Anlass nehmen, um die Rolle der beiden großen Kirchen im Faschismus zu beleuchten.
Jörg Schnückel von der Initiative "Religionsfrei im Revier": "Die Kirchen haben sich sehr früh mit der Nazi-Diktatur arrangiert. Sie haben als einzige Großorganisationen den Faschismus unbeschadet überstanden. Sie haben es gleichzeitig geschafft, sich als Opfer der Nazis zu inszenieren.
Ein durchaus typisches Beispiel dafür, wie skrupellos sich die katholische Kirche verhalten hat, ist das geheime Zusatzabkommen des Reichskonkordats. Hierin hat die katholische Kirche bereits ihre privilegierte Stellung im Kriegsfall geregelt. Kein halbes Jahr nachdem Hitler die Macht übertragen wurde, hat der Vatikan für den Krieg vorgesorgt."
Der zitierte Hirtenbrief ist veröffentlicht in: Hans Müller, Katholische Kirche und Nationalsozialismus, München 1965 (dtv dokumente)Eine Kopie ist zu finden unter:
http://religionsfrei-im-revier.de/Hirtenbrief-8-6-33.pdf
Das geheime Zusatzabkommen des Reichskonkordats ist zu finden unter:
http://de.wikipedia.org/wiki/Reichskonkordat#Inhalt_des_Geheimanhangs
Verantwortlich:
Jörg Schnückel
Hildegard-Schimschock-Str. 25
44369 Dortmund
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Fax 0231 1356602
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